Wednesday, 8 June 2016

Interview with Bianca Froese-Acquaye from the MAY 2016 issue of SynMag.

Thanks to Andreas for the text

UND DER TRAUM GEHT WEITER
Die Zukunft von Tangerine Dream
- im Gespräch mit Bianca Froese-Acquaye

Die wiederentdeckte Liebe zum analogen, die in den letzten Jahren den Synthesizermarkt bestimmte, ermöglicht es der neuen Generation von Klangtüftlern wieder mehr, an die Geschichte der Elektronischen Musik anzuknüpfen, Einflüsse zu erkennen und diese mit auf eine neue Reise zu nehmen.

Tangerine Dream ist eine der wenigen Bands, die über die Jahrzehnte relevant blieben, selbst zu Zeiten, als sich deren Musik von elektronischen Klanglandschaften zu beinah ethnischer Folklore änderte.
Wie bei etlichen anderen Bands sah man auch bei Tangerine Dream ein Kommen und Gehen von Bandmitgliedern, viel Talent, das sich auch anderweitig bemerkbar machte, denkt man beispielsweise an Klaus Schulze, der nach TD und Ashra Tempel Krautrockgeschichte schrieb, oder Conrad Schnitzler, der mit Kluster/Cluster ebenfalls ein Pionier der Elektronischen Musik ist. Ex-TD-Mitglieder Jerome Froese (Sohn des legendären TD-Gründers und einzigen konstanten Mitglieds Edgar Froese, der am 20.01.2015 verstarb) und Johannes Schmoelling spielen derzeit bei Loom, und deren Musik ist wie ein Weiterführen der TD-Blutlinie.

Dass TD auch außerhalb der elektronischen Musikszene bekannt sind, liegt auch an den Soundtracks, die sie für mehr als 20 Filme machten. Ihre bekanntesten Filmmusiken sind sicherlich die für die erfolgreichen Hollywood-Kreationen Legend und Risky Business (beide Filme werden von Tom Cruise getragen) sowie die Stephen-King-Adaption Firestarter.

In den 70ern hat man Tangerine Dream meist hinter Wänden von Modularsynthesizern gesehen und viele Promo-Shots zeigen die Band mit teuren Moogs. Aber TD ist keine nostalgische Band und in den letzten Jahren konnte man Edgar Froese gemütlich sitzend auf der Bühne sehen, mit einem der auffallend roten Nord-Synths und dem Korg Radias, weit entfernt von der modularen Welt vergangener Tage.

Mit immer nach vorne schauenden Augen gesegnet ist es auch kein Wunder, dass Tangerine Dream auch nach dem Tode von Edgar Froese weiterbesteht. Vergangenen Oktober gab es das letzte TD-Album Quantum Key, das von Froese mitgeschriebene Werke enthält.

Wir sprachen mit Edgar’s Witwe Bianca Froese-Acquaye über die Zukunft und das Vermächtnis einer legendären Band, die klanglich den Weg für andere deutsche Künstler wie Enigma oder Schiller öffnete undderen Einfluss vor allem in sequencerlastigen Kompositionen zu spüren und zu hören ist.

(SynMag:) Wenn ich es richtig verstanden habe, bist du nicht nur Edgar‘s Frau, sondern hast auch mit dem Tangerine-Dream-Business zu tun? Was genau tust du?

(Bianca Froese-Acquaye:) Nun, Edgar und ich waren über 15 Jahre lang ein Paar und haben sowohl künstlerisch – ich selbst bin Malerin und Übersetzerin für mehrere Sprachen – als auch auf der Management-Ebene für unser eigenes Label Eastgate Music & Arts zusammengearbeitet – eine aus meiner Sicht großartige Symbiose zweier kreativer Menschen, die vor allen Dingen ihre Unabhängigkeit von der Industrie liebten. Die Zusammenarbeit in den verschiedensten Bereichen unseres Labels, in Bezug auf Artwork für CDs, Verträge mit Musiklabels, Kunstausstellungen oder Konzert- und Tourneeorganisation etc. war stets fließend: Wir haben uns in allen Dingen miteinander beraten, „gebrainstormt“, diskutiert, und absolut vertraut und uns gegenseitig unterstützt. Diesen dynamischen, interaktiven Prozess, dieses intensive Teamwork mit Edgar vermisse ich sehr …

Nachdem mich Edgar als Alleinerbin des Bandnamens und seines gesamten Musikkatalogs eingesetzt hat, wohlwissend, dass ich in seinem Sinne verantwortungsvoll damit umgehen würde, habe ich mich nach einer schmerzlichen Trauerphase wieder intensiv in die Arbeit gestürzt. Als erstes habe ich mein Herzensprojekt ins Leben gerufen, die zukünftige Errichtung eines Tangerine-Dream-Sound-Museums in Berlin (www.tangaudimax.com), das die Pionierarbeit Edgar‘s und der Band auf dem Gebiet der Elektronischen Musik widerspiegeln soll. Aber auch darüber hinaus soll die Bedeutung von Musik an sich transparent gemacht werden. Edgar hat seine ganz eigene Zukunftsvision von Musik ja bereits in den sogenannten Quantum Years angedeutet, die auf den Alben Mala Kunia und Quantum Key zum Ausdruck kommt.

(SynMag:) Ende Januar 2016 fand in Berlin ein Event zu Ehren von Edgar statt, was genau war das? Und stimmt es, dass Edgar und David Bowie gute Freunde waren?
(Bianca Froese-Acquaye:) Am 30. Januar habe ich anlässlich Edgar‘s ersten Todestags die Vernissage „The Art of how to Dream“ im Berliner Festspielhaus verabschiedet. Neben Edgar‘s von ihm selbst so bezeichneten Zoom-O-Graphics (Fotocollagen), die erstmals in großen Formaten gezeigt wurden, und meiner Dante-Serie (Acrylmalerei zum Thema „Die Göttliche Komödie“ von Dante Alighieri) gab es auch solistische Konzerte der einzelnen TD-Mitglieder Thorsten Quäschning, Ulrich Schnauss und Hoshiko Yamane zu hören. Eine Lesung aus Edgar’s voraussichtlich im Sommer erscheinender Autobiografie Force Majeure rundeteden Abend ab, mit dem spannenden Kapitel, in dem Edgar seine Begegnung mit Salvador Dalí beschrieb. Wahrscheinlich wissen nur wenige, dass Edgar 1967 im Garten von Dalí’s Villa in Cadaqués mit seiner damaligen Band The Ones anlässlich der sogenannten Weekend Happenings ihre improvisierte Musik aufspielten. Dalí rief dann laut aus: „Oh I love this rotten religious music“.

Was David Bowie betrifft, so möchte ich hier nicht vorgreifen, den Edgar beschreibt diese Begegnung detailliert in seiner Autobiografie. Nur so viel: Es war Edgar, der David seine Wohnung in Berlin-Schöneberg besorgt hat. Übergangsweise, bis David’s Wohnung fertig renoviert war, hat Edgar David und Iggy Pop Unterschlupf in seiner eigenen Wohnung gewährt, was zeitweise dankbar angenommen wurde. Aus dieser Nähe entstand eine Freundschaft, die sich aus philosophischen Gesprächen über Kunst, Literatur und Musik nährte und die von großenm gegenseitigen Respekt getragen war.

(SynMag:) TD waren immer an der Forefront, was Instrumente anging, früher mit den massiven Modularsystemen und in den letzten Jahren mit Korg Radias und Nord etc. Inwieweit war es Edgar und ist es TD wichtig, sich klanglich weiterzuentwickeln, und wie sieht die Studiotechnik heute aus?

(Bianca Froese-Acquaye:) Edgar und der Band war es immer wichtig, sich klanglich weiterzuentwickeln, obwohl dies aufgrund der digitalen Vielfalt an Klängen in den letzten Jahren nicht einfach war und es Edgar durchaus bewusst war, dass heute jeder Hobbymusiker auf die gleichen Klangdatenbanken zurückgreifen konnte. Jedoch Klänge allein machen noch kein fertiges Musikstück, es kommt auf ihre kunstvolle Anordnung, auf die Komposition an, die ein Musikstück zur wahren Entfaltung bringen. Hier vertraute Edgar auf sein intuitives und handwerkliches Talent, auch wenn es oft unvermeidlich war, wiederholt auf bereits benutzte Klänge zurückgreifen zu müssen.

Was sein Instrumentarium betrifft, so gibt es hier tatsächlich nicht viel Neues zu erzählen, vom Korg Triton, Nord Lead, Minimoog Voyager bis zum Microbrute Analog Synth, den ich ihm für’s Komponieren auf Reisen schenkte, denn es verging kein Tag ohne Komposition, findet sich hier alles Gängige wieder. Selbstverständlich gab es auch Momente, in denen Edgar wieder ein Mikrofon hervorkramte und interessante Klänge aus seiner Umgebung – besonders auf Reisen – aufnahm und später abspielte.

(SynMag:) TD machen weiter – was genau passiert und wie stellt man sich die Zukunft von TD vor?

(Bianca Froese-Acquaye:) Ja, wir machen erst einmal weiter – im Sinne von Edgar und seiner letzten großen Vision der Quantum Years. Edgar war ganz besonders an den neuesten Erkenntnissen der Quantenphysik und –philosophie interessiert und hatte große Freude daran, ja, es war ihm eine Herausforderung, diese musikalisch zu übersetzen. Auf der neuesten EP Quantum Key kann man deutlich die neue Richtung erkennen, in die sich die Musik bewegt. Thorsten, Ulrich und Hoshiko haben hier Edgar’s Kompositionen weiterentwickelt bzw. fortgeführt – wie ich finde, eine großartige Leistung der talentierten Band.
Wir wissen nicht, wie lange das Projekt TD weitergeführt wird, wohin sich die Dinge entwickeln, haben uns jedoch gemeinsam erst einmal darauf verständigt, so bald wie möglich eine Europa- und auch eine USA-Tournee zu Ehren von Edgar zu realisieren. Edgar lebt in seiner Musik, in seinen Werken weiter – und seine Klänge bringen uns zum Schwingen – dies hält uns und ihn lebendig.

Im späten Frühjahr werden wir das erste volle Album präsentieren: Quantum Gate - größtenteils basierend auf Edgar’s Kompositionen, weiterentwickelt von der Band. Auf Soundcloud kann man bereits einen Preview hören (https://soundcloud.com/tangerinedreamofficial2015).

(SynMag:) Bei über 100 Alben ist es vielleicht unmöglich, einen Favoriten zu haben, dennoch würden wir gerne wissen, welches TD- oder Edgar-Solowerk dir persönlich am meisten bedeutet?

(Bianca Froese-Acquaye:) Kennengelernt habe ich TD durch das Album Hyperborea in den 80ern, der Plattenspieler war dauerhaft auf repeat gestellt, so faszinierend fand ich diese für mich neuen Klänge. Niemals hätte ich mir vorstellen können, dass ich Edgar einmal persönlich kennenlernen und heiraten würde.
Mein heutiger Favorit ist das Album Summer in Nagasaki, da ich Edgar hier sehr inensiv in der Phase des Entstehungsprozesses begleitete und die Musik mit ganz besonderen, sehr persönlichen Erinnerungen verknüpft ist.

Ansonsten ist es tatsächlich schwierig, sich für ein einziges Album zu entscheiden, es sind alles geliebte Kinder und keine kluge Mutter dieser Welt würde behaupten, ein Kind mehr als das andere zu lieben.

Thomas Janak


TD im Netz
> tangerinedream.org

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